Wann lernen die Lehrer*innen Distance Learning?

„Haben wir jetzt Ferien?“ – Die erste Reaktion von Schüler*innen auf die Mitteilung, dass der Schulbetrieb während des ersten Lock-Downs im März 2020 digital, als eine Art „Distance Learning“, ablaufen soll. Doch umso länger die „Corona-Ferien“ dauerten, desto mehr verblasste die anfängliche Euphorie.

Schule ist ein Ort der Gemeinschaft, der Diskussion, der Freundschaft, des Lehrens und des Lernens. Diese Aspekte verlieren ihre Wirksamkeit durch den Unterricht daheim. „Wir schaffen das“ – Mentalität ist zu wenig Begründung, um die enormen Verzichte von Schüler*innen zu rechtfertigen. Denn viele Kinder kommen mit der von der Politik auferlegten Bürde, nämlich von der Außenwelt isoliert zu sein, nicht zurecht. Die desaströse Demotivation durch den Distanz-Unterricht der Schüler*innen war nur eine Folge dieser Isolation.

Eine Auswirkung des E-Learnings ist die steigende Chancenungleichheit für Kinder, da nicht jeder Haushalt mit den diversen digitalen Ressourcen, wie Endgeräte oder einem Internetzugang, ausgestattet ist. Folglich entsteht eine digitale Bildungsschere, die auch der Vererblichkeit von Bildung geschuldet ist. Während der Phase des “Distance Learnings” konnte man beobachten, dass jene Schüler*innen, die ein unterstützendes Umfeld zuhause haben, viel besser mit „E-Learning“ zurechtgekommen sind als jene, die kaum Hilfe von ihren Eltern bekommen haben. Resultierend haben die Mohammeds der Gesellschaft weniger Chancen als die Tonis.

Mit welch einem desinteressierten Engagement Lehrer*innen dem digitalen Lehren gegenüberstehen, ist bemerkenswert. Anstatt die Kommunikation mit Schüler*innen zu fördern, erschweren digitale Lehrmethoden die Interaktion, und falls Pädagog*innen Kenntnisse in diesem Bereich hätten, werden sie ignoriert. Auf der anderen Seite wird der Schulalltag auch für manche durch „Distance Learning“ erleichtert, nämlich für jene, die sich in der Umgebung Schule unwohl fühlen. „Wieso soll ich Schulaufgaben machen, wenn ich sowieso im nächsten Jahr weg bin“, begründen Schüler*innen ihr Verhalten. Wenigstens nehmen diese Leute einen Lernerfolg aus der Krise mit, dass intensives Nichts-Tun auch zur Selbstfindung führen kann.

Auf der anderen Seite führt das Distance Learning, wenn auch ungewollt, zu einer Veränderung der Schulgewohnheiten. Denn Lehrer*innen müssen Schüler*innen während des Unterrichts nicht mehr aufwecken, da diese ihre Kamera bei Meetings ausschalten können.

„Distance Learning“ ist eine Chance und ein Fluch zugleich. Es ist eine Chance für all jene, die nach einer Gelegenheit suchen, um ihr Selbstengagement in Szene zu setzen, aber auch ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Faulheit, Demotivation und Desorganisation sind jene Tugenden, die den Fernunterricht zur Hölle machen. Anstatt die Möglichkeit der Individualförderung im Distanz- Unterricht zu nutzen und unseren SchülerInnen einen organisierten und geregelten Lernalltag zu Hause zu ermöglichen, setzt sie mit einem möglichst populären Kurs in Wirtschaft und Tourismus und vernachlässigt den jungen Teil der Bevölkerung.

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