Gewalt an Männern – ein überfälliger Tabubruch

Missbrauch von Frauen und Kindern wird seit Jahren verstärkt thematisiert und das ist gut so. Wenn allerdings jedem Opfer von Gewalt, sei es sexuell, psychisch oder physisch, Gehör verschafft werden soll, muss auch betroffenen Männern zugehört und geholfen werden. Dass genau das bei uns in Österreich zu kurz kommt, ist leider ein weiteres Symptom einer Gesellschaft, die noch immer von bestimmten Stereotypen und Rollenbildern bei den Geschlechtern geprägt ist.

Deutlich wird dieses Tabu unter anderem an den Studien zu Gewalt an Männern im deutschsprachigen Raum. Es gibt schlichtweg fast keine, geschweige denn großangelegte, die sich spezifisch damit befassen. In Österreich wurde 2011 erstmals eine Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern mit dem Titel „Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld“ veröffentlicht, an der 2334 Befragte (1292 Frauen und 1042 Männer) teilnahmen. 29,5 % der Frauen und 8,8 % der Männer berichteten darin unter anderem von sexueller Gewalt. Dabei fällt außerdem auf, dass Männer diese Gewalt anders wahrnehmen, was ziemlich sicher an den gesellschaftlichen Erwartungen liegt. Schließlich müsse der Mann immer bereit sein, Sex zu haben, Einstecken sei eine Selbstverständlichkeit. Es kommt jedoch noch eine weitere Sache hinzu: Aufgrund der (toxischen) Version von Männlichkeit führt psychische, physische und sexuelle Gewalt recht häufig zu einer Identitätskrise bei den Betroffenen, besonders wenn eine Frau die Täterin ist. Sie sehen sich in ihrer Männlichkeit verletzt und die Scham ist oft zu groß, um über die an ihnen begangene Tat zu reden, vor allem wenn es um eine Vergewaltigung geht. Was Missbrauch aber sonst noch für Folgen für Folgen haben kann, sieht man exemplarisch bei einem vom Youtuber Leeroy Matata interviewten Mann, der dies jahrelang durch seine ehemalige Partnerin erlebte (hier das Video).

Nicht selten erfahren betroffene Männer von den staatlichen Institutionen keine Unterstützung und das weltweit. Es gibt Fälle in Deutschland, in denen die Polizei den die durch seine Partnerin oder eine Frau vollzogene Vergewaltigung meldenden Mann voreilig verhaften wollte, weil sie nicht glauben konnte, dass eine Frau ihn vergewaltigt hatte. Gewalt gegen Männer wird zudem in Werbungen oft genug verharmlost. Ein anschauliches Beispiel dafür: In einem TV-Spot zur Verkehrssicherheit von 2015, mitfinanziert vom deutschen Verkehrsministerium, schaut ein Autofahrer während der Fahrt auf sein Handy und wird dadurch unvorsichtig. Als er bei einer roten Ampel anhält, steigt eine Dame neben ihm aus ihrem Auto aus und verpasst ihm anschließend eine Ohrfeige. Wären hier die Rollen vertauscht gewesen, hätte das mit hoher Wahrscheinlichkeit massive Empörung ausgelöst (hier der Link). Wir leben in einer Zeit, in der immer öfter das Schweigen über Missbrauch und Diskriminierung unterschiedlichster Art gebrochen wird. Daher müssen wir jetzt endlich anfangen, ein weiteres längst aus der Zeit gefallenes Tabu zu beenden.

Auf maennerinfo.at können sich Betroffene über Anlaufstellen österreichweit erkunden. In Krisensituation ist Männerinfo rund um die Uhr erreichbar: 0800 400 777.

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